Wir zwo drei vier!

Vom Preis der Teilhabe am ozeanischen Gefühl

3.5.2021

Ich horche in die Gassen und klopfe auf die Büsche.

Allenthalben tönt und dröhnt mir eine große Bewegtheit entgegen: „Wir! Wir marschieren, Wir alle vereint, Wir sind Jene, die sich nicht mehr spalten lassen. Wir sind wieder Wir. Dies Wir ist eine tolle Sache; sind wir doch das Volk, sind doch Wir der Souverän im Staate; ist es nicht unser Staat? Unser Hoch auf die Demokratie, ach wäre sie doch nur die tatsächlich UNSRIGE! Wir, Wir, Wir zwo drei vier, …!“

Je länger ich diesem Altbekannten lausche, ich mich dem Wiedererkennen ergebe, desto mehr packt mich auch das Grauen vor dieser offensichtlichen Verwir(r)theit. Woher stammt das Faszinosum an diesem unmenschlichsten aller Gefühle? Was leistet dieses überkompensatorische Konzept, was ist der Krankheitsgewinn für das sich – also – einreihende Ich?

Das Wir birgt und erhebt in einer EINZIGEN Bewegung. Und das Wir ist bequem, indem es die Selbstverortung durch den eigenen Willen überflüssig werden lässt. Das Wir wird demnach zum erweiterten Ich. Das dem Eigenen abhold werdende Ich kann das Wir zur Schablonierung seiner selbst als wirkmächtigeres Ich heranzüchten.

Die „Lieben Leute!“ wären demnach immer der falsche Adressat.

Daher:

„Mensch, das Wir verdient jedes Misstrauen!

Denn unabänderlich dient es der Massierung des Menschen. Die Menge aber ist gefügig und träge; also dient das Wir der Herrschaft des Menschen über den Menschen. Du aber bist nicht Mensch UNTER Menschen. Das Größere, das Überragende, das Mächtige, das Wir welches birgt – es verlangt im Umtausch gegen die Teilhabe an ihm – schon seit je – immer denselben Preis:

Dich.“