Von Hinterhöfen, Klopfzeichen und Liedern

von Kilian Brunn

17.4.2021

Wir treffen uns hinter der Kirche. Es wird Abend. Dann kann ich Dir die Adresse sagen. Ich fahre hin, sie wissen schon von mir. Immer nur zu zweit eintreten, im Treppenhaus bitte leise, die Nachbarn sind eigentlich o.k., aber sicher ist sicher. Der von Gegenüber ist jedenfalls auch kritisch. Das ist kontextuelle Kommunikation. Viele Hände schütteln. Am Händedruck offenbaren sich die Unbeeindruckten. Hallo an alle. Das sind Spießer hier, alle, und sie kokettieren mit dem Aufstand, gefallen sich in ihrer Delinquenz, engagiert: nicht so laut, mach das Fenster zu, man kann dich von unten von der Straße hören. Was ist mit dem anderen Treffen passiert? Die Bullen sind eingeritten. „Bullen“, sagen diese Spießer, „Bullen“, und keiner sagt mehr Polizei.

Die Fahrt heim. In einer Gruppe. Darf ich das schreiben? Dann und dann sei ich in einer Gruppe, alle unmaskiert, gemeinsam von da nach da gefahren. Darf ich das? Darf ich? Der Maskierte, der den Waggon betrat, sah uns in die nackten Gesichter. Er zog die Maske runter und lächelte, entspannte sich. Das Gespräch auf dem Weg zur Demo in Spandau: Mensch hast Du schöne blaue Augen! Aber was ist mit deinem Mund? Wie soll ich dich je wiedererkennen; redetest du doch so vernünftig mit diesem verborgenen gebliebenen Mund. Das kleine Mädchen hinter ihrer toten Mutter…ihre Maske wölbte sich und schrumpelte mit jedem Atemzug. Ein Treffen in Steglitz, dunkel der Hinterhof, das Treppenhaus knarrt, immer wohnen alle ganz weit oben, keine Klingel, ich klopfe. Ich klopfe mit einem verabredeten Zeichen. Drinnen sind die Anderen, die Sänger. Wir wollen Lieder singen, von Georg Kreisler. Das ist illegal.