Vom Denken und Beispiel

19.5.2021

Auf der einen Seite beugt der Grübler eines Rodin sich in die Gegenstände seines Bedenkens, auf der anderen Seite: der Vordenker mit erhobenem Blick ins Zukünftige.

Abseits der diese verbindenden Achse gilt es Jenes zu verorten, welches schöpferische Qualität aufweist, das Eigentliche des Menschentums, ein heraklitscher Aphorismen benennt es in lakonischer Kürze: „Denken ist das Beste.“

Nun ist es vor dem Horizont hellenischer Bildung mehr als plausibel, dass sich hierbei nicht zuletzt eine Reflexion der Prometheuserzählung einmengt. Zwar habe die Antizipation („Prometheus“=Vorausbedacht) gegenüber dem Nachdenken („Epimetheus“=Nachbedacht) einen gewissen Vorrang – beiden aber haftet der Makel der Gegenstandshörigkeit an. Sie erweisen sich ja auch beide nicht als im Stande mit ihren jeweiligen Herausforderungen erfolgreich umzugehen: der Eine ist damit überfordert, sich der Verlockung entseelter Schönheit (Pandora) zu erwehren, der Andere ergibt sich Zwang und Gewalt („Kratos“ und „Bias“ mit Namen) ganz unwiderständig.

Das Denken allein, so mit Heraklit gedacht, entgeht der Verdinglichung der eigentlichen menschlichen Potenz und befreit den also „bloß“ Denkenden von den Verhaftungen ins Phänomen.

Das Ergebnis, oder die daraus sich ergebende Haltung wäre ein Sieg über die Ideologie, über den Glauben, die Meinung, es löste das denkende Subjekt aus seiner Verkettung mit dem Sachzwang und erhöbe es aus der Abhängigkeit vom Phänomen. Der Denkende oder besser: das Denken selbst entledigte sich der Utilitarität und würde – so erst – zu schöpferischem Tun.

Was aber leistet das Vorbild?

Unvereinbar mit dem Versuch der Befreiung des Eigenwillens erheischt es die Installation von Nachbildern, Imitatoren, Nachfolgern, Schülern, Mitläufern, Nachläufern etc.

Vorbildlich, vorbildhaft zu sein, kann nur diesen Nachbildlichen und Nachbildhaften attraktiv sein.

Was mit dem Versuch der Erlangung von Vorbildlichkeit „bestenfalls“ geleistet werden kann, ist die Attraktion von Uneigenständigen, und die an ihnen und durch sie und im Bund mit ihnen geleistete Hierarchisierung zwischenmenschlicher Beziehungen.

Während das Vorbild also illustriert, wie eine Sache angegangen werden soll, illustriert das Beispiel, dass eine Sache angegangen werden kann. Das Vorbild diktiert. Das Beispiel bezeichnet die Möglichkeit gleichsam als Illustration.

Gerade wie Nachdenken dem Denken feind, so verführt das Vorbild zur Nachfolge. Stattdessen täten Frauen und Männer gut daran, sich – eingedenk der unabsehbaren Beispielhaftigkeit Aller für Alle – zu erdreisten, eigenwillig zu handeln und eigensinnig zu denken.

Wie denn sollte Herrschaft über Eigenwillige und Eigensinnige auch nur denkbar sein!