Radikalisierung und ihre Alternative

25.4.2021

von Raul Tanasescu

Radikalität ist der Versuch, einer Sache auf den Grund zu gehen; sich ihrem Wesen unter der Oberfläche des So-Scheins anzunähern. Die „Wurzel“ blieb dem Blick ja – bisan – entzogen.

Es ist radikal wenn Einer sich gegen den Zeitgeist, gegen die Menge, gegen den Strom stellt.

Hierbei kann es – das Paradigma der Vernünftigkeit vorausgesetzt – nur um die Frage gehen, w i e man sich und seine Mitstreiter radikalisiert; nicht ob, denn Jene, welche sich nicht mit der Wurzel einer Sache beschäftigen mögen (oder können), sind und bleiben Notgedrungene, Wetterblätter, Flatterfahnen.

Der Radikale ist ein nach den wirklichen Gründen Fragender. Seine Frage laute notwendig: „Was ist der Urgrund und die Wurzel des vorliegenden Falls?“ Sodann spreche ein Solcher bei sich: „Das Üble ist verwurzelt; ich will mir meinen Grabstock schnitzen!“

Wer aber auf dieses Gründe-Suchen, auf diese Gründe-Finden verzichten mag – ob nun bewusst oder unbewusst determiniert – der bleibt der Wirklichkeit opfergleich ausgeliefert; ein Solcher gibt einen maßgeblichen Teil seines Menschentum auf; er entsagt der Grundbedingung zum schöpferischen Handeln. Es ist jedweder Macht wesenseigen, den Menschen zu entmündigen, und also zu demütigen; ihr eigentliches Wesen ist Zwang und Gewalt.

Wer sich nicht radikalisiert spielt der Herrschaft des Menschen über den Menschen in die Hände.

Dass ein solcher Angriff auf das Menschentum, wie er in seiner hässlichen Orchestriertheit ebengerade geschieht, notgedrungen zu einer „Radikalisierung“ im herkömmlichen Sinne (lies hier: „Extremisierung“!) führt, ist seitens der Urheber dieser Orchestrierung sicherlich gewollt; auf dass die Zentrifuge an Fahrt gewinne!

Radikalisierung im eigentlichen Sinne des Wortes aber kann nur vom Einzelnen und in Gemeinschaft mit Wenigen erstritten werden; sie ist der eigentliche Gegenstand aller ethischen Forderung:

dass die Besserung aufgrund vernünftiger Kriterien und wirklicher Argumente gelinge!

Auf der anderen Seite, bei der Menge, sie substantiell konstituierend, steht der Mitläufer, der Mitmacher, der Nach-Denker – ihn kitzelt es lustig, dass er teilhat und Teil ist – von etwas Großem, von einer Bewegung, von einer Welle die ihn emporhebt und – also – vom Gefühl seiner Belanglosigkeit endlich erlöst.