Kunst oder Kulturindustrie, das ist hier die Frage

20.5.2021

Seit mehr als einem Jahr wird die Frage der Kunst in dieser Krise diskutiert. Im Vordergrund steht dabei meist die Benachteiligung der Kunst und Kultur, die unter den politischen Verboten und Einschränkungen am meisten zu leiden hat. Auch wird die offensichtlich zutage tretende mangelnde Wertschätzung für Kunst beklagt. Immer wieder wird dabei auch betont, dass Kunst systemrelevant sei.

Das Verhältnis der Künstler zu den gegenwärtigen beispiellosen staatlichen Eingriffen in die Persönlichkeitsrechte ist ein schon seltener diskutiertes Thema. Vereinzelt haben sich grundrechtseinschränkungskritische Menschen erstaunt gezeigt, dass aus den sich sonst so kritisch gebenden Kulturinstitutionen und von den Künstlern selbst kaum Gegenstimmen gegen die staatliche Übergriffigkeit zu vernehmen waren. Die wenigen vernehmbaren Gegenstimmen wurden mit moralischem Furor in die Schäm-Dich-Ecke verbannt. Der größte Teil der Künstler allerdings blieb ruhig, blieb zuhause, richtete Life-Streams ein, und schien kaum ein größeres Problem zu haben, als wann und wie sie denn an die Corona-Hilfen kämen.

Meine Frage aber ist, was denn Kunst im Zusammenhang mit einer so fundamentalen Krise überhaupt sein kann, und was sie zu leisten hat. Die Frage der Systemrelevanz ist dabei zentral.

Ein System ist ein aus verschiedenen Einzelteilen Zusammengefügtes, welches sich in mehr oder weniger geordneten Beziehungen zueinander befindet und so ein übergeordnetes Ganzes bildet. Wenn von Systemrelevanz die Rede ist, dann wird natürlich Bezug auf das gesellschaftliche System genommen, in welchem auf höherer Ebene Organisationen, Vereine, Betriebe, Verwaltungsorgane, letztlich aber die Individuen selbst zur Superstruktur Staat zusammengesetzt werden. Systemrelevanz kann in diesem Sinne selbstverständlich nur bedeuten, dass es der Zusammenfügung der Individuen zu dieser großen ganzen, möglichst funktional und geordnet laufenden Maschine dient.

Der funktionalen Einheit „Gesellschaft“ das Primat gegenüber der Einzig- und Eigenartigkeit des selbstevidenten Menschen einzuräumen entlarvt. Wenn die Kunst für sich beansprucht, systemrelevant zu sein, so macht sie sich zum Büttel der Entmenschlichung und hilft bei der totalen Vergesellschaftung des Individuums. Eine solche Kunst wird immer affirmativ sein, selbst wenn sie sich kritisch gebärdet.

Kritik durch solcherart Kunst wird immer nur eine Ventilfunktion haben, um die Spannung der sich selbst Entfremdeten zu kanalisieren und somit eben das „System“ zu stabilisieren. Oder aber sie wird Strömungen, die sich eventuell zu tatsächlich fundamentaler Kritik entwickeln könnten im Keim ersticken, beziehungsweise einverleiben in die Beliebigkeit des Kunstbetriebst. Diese Art der affirmativen „Kunst“ verdient ganz zurecht den Namen Kulturindustrie.

Eigentlich ist Kunst aber etwas ganz anderes. Sie trachtet nicht nach Systemrelevanz, sondern zielt auf den Menschen und das Menschliche an sich. Sie ist Werkzeug der Reflektion, durch welches sich das Individuum als unendlich tiefes und sich selbst rätselhaftes Wesen innerhalb einer Gesellschaft verortet und kritisiert und in Frage stellt. Das Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichem Anspruch (oftmals als Notwendigkeit getarnt) und persönlichem Willen ist das eingentliche Wirkfeld der Kunst. Ihr Fluchtpunkt ist dabei immer der Mensch an sich – sie ist Hinweis auf das Urmenschliche, welches sich eben im Individuellen ausdrückt und nichts mit der Verwaltung von Individuen zu tun hat.

Falls sich Kunst auf die entindividualisierende und demnach menschenfeindliche Gesellschaft bezieht, so kann sie nur Kontraste bilden, Antithesen – oder aber einen sinnlich erfahrbaren Angriff. Sie hat ein „Dennoch“ zu sein, und gerade kein „Darum“ oder „Desweiteren“.

Kunst muss Intervention sein. Anstatt das System zu stützen und innerhalb desselben lediglich etwas Staub in den Ecken aufzuwirbeln, muss sie das System in seiner Gänze grundsätzlich in Frage stellen, und dabei auf den Menschen in seiner Ambivalenz, seiner Not, seiner Einzigartigkeit zielen. Anstatt Urteilsbildung durch Repräsentation zu delegieren, muss Kunst zu kritischem Urteil und selbständiger Haltung verführen.

Wirkliche Kunst ist relevant für den Menschen, niemals aber für das System.

In diesem Sinne ist die künstlerische Intervention im öffentlichen Raum notwendig – ein überraschender Eingriff, uneingefriedet von einer durch systemkonformes Marketing hervorgerufenen Erwartung. Im besten Fall kann es so gelingen, Menschen an ihre Menschlichkeit zu erinnern, einen Spalt in den Panzer der Konformität zu reißen, und jenen Teil in den Menschen zu ermutigen, der angesichts der allgegenwärtig verdinglichenden Gewalt und scheinbaren Alternativlosigkeit des Systems ins innere Exil geflohen ist.