Kaufen und Verkaufen

Kaufen und Verkaufen

20.4.2021

von Raul Tanasescu


Auf dem Weg zum Laden sprechen wir über das Wesen des Eigensinns, und über den Ausdruck der Augen von Dohlen im Morgengrauen. Im Eingangsbereich des Supermarktes kommen uns zwei Polizisten entgegnen, die zwar argwöhnisch bemerken, dass wir beide keine Masken tragen, aber in dem Augenblick völlig beschäftigt sind, einen fluchenden Mann nach draußen zu geleiten.

Wir wollen an den Kassen vorbeihuschen, aber schon sind wir erspäht! Die sich aller dummdreisten Autorität des „kleinen Mannes“ befleißigende Anmaßung wendet sich an uns mit den Worten: „Wo sind denn ihre Masken?! He Sie, Sie müssen hier drinnen Masken tragen!“ Es ist bestimmt einer der Polizisten, denke ich schon, aber siehe: es ist nur der Kassierer, der während er kassiert, und uns böse Blicke zuwirft, gerade eben seine blaue Maske wieder über seine fleischige Nase zieht.


Wir kehren um, treten – ans Gängelband des Hausrechts geraten – an die Kasse heran. Ich frage ihn ob er denn mein Attest tatsächlich jetzt sehen will, ob er denn nicht gerade mit Kassieren beschäftigt ist, ob ich es nicht beim hinausgehen vorzeigen kann; er sehe doch sowieso schon gestresst genug aus. „Nein, nein, zeigen Sie mal, was Sie da haben.“ Wir beide kramen umständlich; sozusagen – g e ü b t. Seine Augen fliegen, seine Hände erlahmen inmitten der kassierenden Bewegung, die Kunden in der Schlange erstarren zu wartenden Zapfen und Zäpfchen. Da hat er endlich zuendegeprüft, und entlässt uns: „is o.k.“ Seine Kollegin aber, die von der Nebenkasse, ist nicht recht froh, und ruft uns hinterher – quer durch den Laden: „Aber dann müssen Sie doch einzeln einkaufen gehen!“

Wir haben unseren Spinat gefunden, und auch die Tomaten. Nun wollen wir unsere Schuld begleichen: beim Kontrolleur oder bei der Rufern? Da kommt die Marktleiterin, die ich trotz ihrer Maske wiedererkenne (denn wir hatten schon einmal das Vergnügen, und ihre Frisur ist unverwechselbar), und weist uns auf unsere Pflicht hin. „Welche Pflicht?“ Sie weist auf ihre eigene Maske und sagt: „Sie müssen eine Maske tragen!“ Doch in diesem Augenblick (ich kann es sehen) erkennt sie mich, an meinem Bart, an meinem spöttischer Zug um die Lippen, an meiner Nase deren Spitze ihr obszön entgegenragt. Ihre Stirn legt sich in tiefe Falten; sie denkt (das ist offenbar): „Es ist ja wieder Der mit diesem Mund und dieser Nase“, und so sagt sie nur: „Ach ja!“, und lässt ab von uns.

Als wir mit Bezahlen dran sind, frage ich die Kassiererin, ob sie denn nicht auch findet, dass es sie eigentlich nichts angeht, mit wem ich einkaufen gehe. „Ich sage Ihnen ja auch nicht, dass Sie alleine ins Bett müssen!“ Da hebt sie ihren Blick und schaut mich plötzlich ganz traurig und gerade an, und ich höre ein Seufzen, ganz leise – die Maske dämpft es.