Bloß Antifaschist?

– oder warum die Antifa versagt

10.5.2021

Wem ist es noch nicht widerfahren, dem Mitmenschen die Hand, anstatt – besser – die Tatze gereicht zu haben?

So fand ich mich jüngst in gemeinsamer Opposition zu den unsäglichen Arroganzen und Anmaßungen des Staates gegen das Menschliche in einvernehmlicher Zwiesprache mit Jemandem, dem plötzlich etwas von „Volksaustausch“ entschlüpfte.

Oder was höre ich da, allenthalben im Untergrund: „Der ist doch kein Rechter, der ist total nett!“

Auf der anderen Seite: „Antifa“ wie Antifaschisten: „Zieh die Maske auf oder verpiss Dich!“, sagt der Antifaschist, während ich ihn fragen will, wie es kommt, dass er mit den Grünen und der SPD zusammen für den unendlichen Lockdown demonstrieren KANN.

Ein Problem der heutigen Völkischen: sie sind in der Anthropologie des 19. Jahrhunderts verhaftet; geschädigt durch die Bedingungen ihrer Unterdrückung und Willensbrechung blieben sie Gierige nach Unterwerfung und Unterworfenheit. Im Volksbegriff zeigt sich die ganze vervollkommnet konservierte Dummheit, verwechseln sie doch das Volk – mit sich.

Dieses Volk wird ihnen zum Ersatz ihrerselbst, und also zum Ersatz ihrer eigenen lebendigen kulturschöpferischen Potenz, deren Träger doch nie das „Volk“ war / ist, sondern immer der konkrete Mensch im Verbund und Austausch mit seinem konkreten Mitmenschen.

Die Entfremdung des völkisch Empfindenden von sich wird zu einer Ursache und Bedingung zur Bildung eines überkompensatorischen – also völkischen – Ersatzselbst.

Nun war es aber die Antifa, die sich als die strengste Befürworterin der menschrechtsverletzenden Maßnahmen profilierte. Wie? Warum? Verkehrte Welt!

Reicht das seitens der Exekutive und ihrer Kampagneure clever installierte Solidaritätsnarrativ denn zur diesbezüglichen Erklärung aus? Oder ist nicht vielleicht schon jede milieuhafte Selbstverortung ein Ausdruck defizitärer Selbstempfindung, und insofern etwas ganz Ähnliches wie jenes Ersatz-Selbst welches schon als wesenhaft für die Identifikation des völkischen Deppen mit seinem „Volk“ ausgeführt wurde?

Läuft nicht gerade daher der Milieu-Linke letztlich Gefahr, derselben Verwechselung seinerselbst mit Anderem aufzusitzen, gerade so wie der Faschist?

Der bloße Antifaschist ist letztlich kein Vertreter fundierter Herrschaftskritik. Die Verkürzung von Herrschaftskritik und Herrschaftnegation auf die Ablehnung des Faschismus stellt eigentlich eine Verharmlosung der Herrschaft und des Staates und des Patriarchates dar. Bloßer Antifaschismus ist letztlich der wesenhafte Ausdruck eines mangelhaften Hinterfragens, und insofern ein implizites Gutheißen der Hierarchokratie als Solche.

Denn was alles an Herrschaft kann ein bloßer Antifaschist noch gutheißen; und sich enigermaßen rechtens auch weiterhin noch einen Antifaschisten nennen?

Die Herrschaft des Mannes über die Frau?

Der Normalen über die Nichtnormalen?

Der Psychiater über deren Gefangene?

Des Staates über die Delinquenten?

Der Erwachsenen über die Kinder?

Der Menschen über die Tiere?

Die Herrschaft des Menschen über den Menschen im Kapitalismus?

In der Monarchie? Der Theokratie, der Oligarchie, der Plutokratie?

Der Demokratie?

All diese Herschaftsstrukturen sind nicht Faschismus; der Antifachist wird sich immer wieder aufs Neue gegen die konkrete Schweinerei, die ihm entgegentritt, positionieren müssen, oder eben NICHT, und sich immer noch – in jedem Fall zurecht – Antifaschist heißen dürfen.

Wenn dem bloßen Antifaschisten lediglich die spezifisch faschistische Formel der Herrschaft ein Greuel vorstellt, dann haben wir es letztlich mit nichts anderem zu tun, als mit einer heldenhaften Selbstverortung in Antinomie zur hässlichsten und schlechtesten und verächtlichsten Form der Herrschaft des Menschen über den Menschen.

Der rechte Völkler glaubt die Natur des Menschen in der selbst nur durch Gewalt konstruierten kulturellen Kontinuität oder gar in einer – nur als mythisch zu bezeichnenden – Genealogie verortbar. Der bloße Antifaschist wiederum übersieht durch eine fast ebenso tumbe Verkürzung: ihm bleibt die unsägliche Schlechtigkeit des Herrschens und Beherrschtwerden als Solche undeutlich. Zwar mag er ahnen, dass etwas Unsägliches im Herrschen an sich wirkt, eine Pervertiertheit des Menschen, eine Absonderlichkeit, aber er verengt den kritischen Blick auf die hässlichste der Hässlichkeiten, auf die schlechteste der Schlechtigkeiten, auf die dreisteste der Lügen über das Wesen des Menschen; das ist der Faschismus.

Dass Herrschaft in Krise faschistisch wird, bleibt dem bloßen Antifaschisten insofern bloßes Theorem als dass er aus diesem Gedank keine fundierte Kritik an der Hierarchokratie selbst ableitet.

Aber alle Redlichkeit fordert, aus der geschichtlichen Erfahrung des totalitären und genozidialen Faschismus, die Ableitung einer absoluten Herschaftsnegation. Alles Andere bleibt unentschieden. Denn schließlich ist der totalitäre Faschismus der Herrschaft des Menschen über den Menschen von Anfang an inhärent.