Atombombe

– oder was heißt heucheln?

Bumm!

Ein Haus auf der Hermannstraße in Neukölln ist seit einigen Tagen von einem Werbeplakat verdeckt. Das Haus ist acht Stockwerke hoch, und ebenso hoch ist auch das Werbeplakat. Am dritten Tag nach der Installation des Plakates hat sich jemand erdreistet und – hocheffizient wie ich finde – „POO“ (Kacke) ins untere linke Eck geschrieben, fast mannshoch.

Einige Tage später hat jemand anderes dieses rote dreibuchstabige Wort weiß übermalt, so dass man den Schaden an dem Plakat zwar noch sieht, aber nicht mehr erkennen kann, dass Jemand die Sache recht treffend beim Namen genannt hatte. Was findet sich auf dem Werbeplakat?

Was denn wurde als Scheiß indiziert?

Eine Gruppe sportgestählter Läufer läuft auf einer Promenade vor weitem Meer unter blauem Himmel. Dann steht da noch in schlechtem Englisch, dass nichts unmöglich sei.

„Dass die Schweine sich nicht schämen! Wer soll sich denn da schämen? Na die Verantwortlichen!“

Inmitten des engen und abgasigen Neukölln stellt eine solche Inanspruchnahme des öffentichen Raumes in rein kommerziellem Interesse eine Verhöhnung der Lebenswirklichkeit der hier Lebenden dar. Es ist übergriffig, anmaßend, wenn quasi der Wahrnehmungshorizont (so weit das Auge reicht ) von einer kapitalistischen Propaganda ausgefüllt, sozusagen annektiert wird.

Es ist schlecht und hässlich, währen des Lockdowns und der damit einhergehenden Reiseverunmöglichungen jenes Trugbild der Weite in die lebensfeindliche Häuserschlucht zu projizieren – um den Menschen zum Kauf vom Plastikschuhen zu animieren, die am Ende in eben jenem Ozean landen werden, an deren Ufern jenes Foto gemacht wurde.

Die Verantwortlichen sollen sich auch verantwortlich fühlen. Und wer sind sie, die Verantwortlichen?

Der Texter, der Auftraggeber, der Agent, der Fabrikateur, und der Arbeiter der den Plastikschuh näht, und der Arbeiter der den Scheiß an der Hauswand anbringt, der Hausbesitzer der die Anbringung erlaubt und sie sich bezahlen lässt. Jeder, jeder Einzelne trägt an dieser Verantwortung, den hässlichen, verlogenen, schlechten Widersinn im öffentlichen Raum zu verankern.

Sie alle miteinander spinnen den Faden der Schamlosigkeit und knoten aus ihm das Netz der verlogenen Unsäglichkeit, gerade ja während sie „nur ihren Job tun.“

Nun ist aber Jener, der den Balken hinzimmert, Jener, der das Seil entrollt, die Schlinge knüpft, der, der den Schemel unter den Füßen wegstößt, auch nur Einer der lediglich seine Arbeit tut.

Der mordende Soldat hat bei der Erfüllen seines Auftrages letztlich das selbe Gefühl der Pflichterfüllung wie der Plakateur, der dazu beiträgt, dass die Lügen den öffentlichen Raum fluten. Worüber dieses Gefühl den jeweils Verantwortlichen hinwegtäuscht, ist die Tatsache, dass er sich zur Teilhabe an der Schweinerei entschlossen hat, und daher der eigentliche Unterschied lediglich ein quantitativer, keinesfalls aber ein qualitativer ist.

Wer nämlich der Spur der Verantwortung bis hin zur Frage nach der Teilhabe: „ja oder nein?“ folgt, dem gilt keine Rechtfertigung. Dann erblüht jedes „Ja“ in vollkommener Schlichtheit. Wenn ich mitmache dann werde ich zum Teil der Schweinerei; sie assimiliert mich sozusagen als Teil der fortan fürs Ganze stehen kann. Jede Zuarbeit perpetuiert den lebensverachtenden Wahn.

Zu behaupten, man habe nur getan, man tue lediglich was nottut, gerade das fügt der Hässlichkeit des schlechten Tuns noch die Verlogenheit der Heuchelei hinzu.