Normschlaf

23.4.2021

von Hanna Franck

Nun also ist es so weit. Heute ist der letzte Abend, an welchem ich bis 24 Uhr vor die Tür gehen darf – ohne mich bewegen zu müssen. Ich muss nicht joggen oder spazieren, ich muss keinen Hund an seiner Leine herumzerren – ich kann auch ganz einfach zwischen 22 und 24 Uhr auf einer Wiese sitzen. Ich kann Mandoline spielen, oder Bier trinken, oder einfach nur blöd in der Gegend rumgucken, ganz wie es mir passt. Heute habe ich dieses Recht noch. Und dann, um Mitternacht, werde ich zuhause sein müssen.

Ab morgen darf ich auch schon nach zehn nicht mehr im Park sitzen und blöd in der Gegend rumgucken. In den zwei Stunden bis zwölf werde ich verpflichtet sein, meinen Körper in Bewegung zu halten, im öffentlichen Raum. Und dann habe ich mich den „normalen Ruhens- und Schlafzeiten“ zu ergeben.

Das Ministerium für Gesundheit versichert mir, dass es „keine Freiheitsentziehung“ sei. Natürlich nicht – außer für Jene, die nicht der Norm entsprechen: die Nachtschwärmer, Blöd-Rumgucker, Spätaufsteher. Für diese Nicht-Norm-Schläfer sieht das neue Gesetz aus wie Freiheitsentziehung. Für mich ist es Freiheitsentziehung.

Ein Hund darf noch vor die Tür. Der Hund hat jetzt mehr Rechte als ich – mit ihm natürlich auch der „Besitzer“, der in diesem Fall aber lediglich zu einem Leinenhalter geworden ist, und nicht mehr souveräner Inhaber von grundlegenden menschlichen Rechten. Selbstverständlich entspricht das der inneren Logik der Gegenwart: denn ein Hund muss Gehorsam und Unterordnung nicht mehr lernen; es entspricht seinem angezüchteten Wesen. Dem Hund muss das nicht mehr beigebracht werden, dass er gehorchen und sich unterordnen muss, und dass er nicht Herr seiner selbst ist. Mir aber muss man diese eingeforderte Unterordnung und den Norm-Schlaf wohl noch beibringen.

Mit bis zu 25.000 Euro Strafe, oder mit bis zu 5 Jahren Gefängnis.

Wer nicht hören will muss fühlen.